Ghostwire: Tokyo

   Von Miggi

Titelbild zu Ghostwire: Tokyo von Tango Games und Bethesda für die PlayStation 5

Nachdem Shinji Mikami, der bereits 1996 als Director von Resident Evil seinen Namen fest in die Videospiel-Geschichte eingetragen hat, 2010 sein eigenes Studio Tango Gameworks gründete blickte die Welt gespannt auf ihn und sein Team. Mit den beiden The Evil Within-Spielen (zum zweiten Teil haben wir sogar eine Podcast-Folge aufgenommen) versuchte Mikami noch seiner Legacy im Survival Horror treu zu bleiben und auch Ghostwire: Tokyo wirkte auf den ersten Blick wie ein weiterer Eintrag in bekannten Gefilden. Über die Zeit wurde allerdings immer klarer, dass sich sein Team, mit Creative Director Ikumi Nakamura an einer neuen Art von Spiel versuchen würde - in diesem Fall einem First Person Action Adventure in einer Open World. Immer noch mit gruseligen Elementen, nur sehr anders eingesetzt, dafür aber mit so vielen Elementen der Japanischen Kultur, wie es bisher selten ein Spiel gemacht hat.

Ghostwire: Tokyo bietet euch eine offene Spielwelt direkt in Tokyo, genauer gesagt im Bereich von Shibuya. Dort sind mysteriöserweise alle Menschen spurlos verschwunden bzw. von einem schweren Nebel verschluckt worden und die Stadt wurde von bösen Geistern überrannt. Und genau dort findet sich unser Protagonist Akito nach einem Motorrad-Unfall wieder, bei dem er eigentlich gestorben wäre. Überlebt hat er nur, weil der Geist des Mannes KK von ihm Besitz ergriffen hat, der ihm zusätzlich noch übernatürliche Fähigkeiten verleiht. Während beide Figuren ihre eigenen Beweggründe haben, müssen sie nun zusammenarbeiten um Akitos Schwester zu retten, die von unserem Antagonisten Hannya entführt wurde. Mit diesem hat auch KK noch ein Hühnchen zu rupfen und so machen sich die beiden in einem Körper auf, um Shibuya zu retten.

Eine Gasse in Tokyo Shibuya aus Ghostwire: Tokyo von Tango Gameworks und Bethesda
Ghostwire: Tokyo - wo ich selbst von random Gassen gerne Bilder mache.

Ihr bewegt euch in einer First Person-Ansicht durch und später per Gleitflug-Fähigkeit auch über die Stadt, die ihr frei erkunden könnt. Naja zumindest soweit euch das Spiel zu einem gewissen Zeitpunkt lässt. Überall in der Stadt findet ihr nämlich dichten Nebel, der euch eure Energie aussaugt, wenn ihr ihn betretet. Um den Nebel verschwinden zu lassen, müsst ihr erst das Torii des Gebiets reinigen. Diese meist roten Tore aus Holz oder Stein sind in Japan am Eingang von Schreinen zu finden und symbolisieren in der japanischen Kultur die Grenze zur übernatürlichen Welt. Am Torii angekommen müsst ihr also meist eine Gruppe von gegnerischen Geistern ausschalten, bevor ihr das Gebiet reinigen könnt. An die Geister könnt ihr euch, wenn ihr es schafft, entweder anschleichen und sie einzeln verbannen, oder ihr stellt euch ihnen im offenen Kampf.

 

Und der findet in Ghostwire: Tokyo quasi wie in Ego Shootern statt. Akito kann durch bestimmte Handgesten Elementar-Zauber auslösen und ihr habt verschiedene Talismane zur Verfügung, die ihr auf eure Gegner*innen feuert. Die Handgesten sind an sogenannte Kuji-Kiri angelehnt, die mit beiden Händen ausgeführt werden. Euer Standard-Zauber basiert dabei etwa auf Wind und ihr habt eine bestimmte Zahl an Anwendungen - also quasi Munition - zur Verfügung. Die Maximal-Anzahl wird an Jizo-Statuen erhöht, die ihr versteckt in Shibuya überall findet. Ein wichtiger Hinweis hierbei - stellt euch am besten die Sensitivität des Controllers und die Stick Beschleunigung ordentlich höher. Um die "Shooter"-Passagen gut zu meistern, ist die Standard-Einstellung leider viel zu träge und fühlt sich sehr schwerfällig und schwammig an. 

Akito entzieht Geistern ihre Kerne in Ghostwire: Tokyo von Tango Gameworks und Bethesda
Wusstet ihr, dass Geister Kernobst sind?

Auch die Geister, gegen die ihr kämpft, basieren - wie wirklich alles im Spiel - auf Teilen der japanischen Kultur. Der Standard-Mob, auf den ihr am öftesten im Spiel treffen werdet, wurde etwa aus Büroarbeitern geboren, die an ihrer Arbeit und der Erschöpfung zerbrochen sind. Andere Gegnertypen sind z.B. Schulmädchen, die sozialem Druck ausgesetzt waren oder isolierte Frauen, die durch die negativen Emotionen zu Wettergeistern wurden. Und auch sonst trefft ihr auf allerlei mythologische Figuren bzw. Yokai, wie Kappas, Tanukis oder Onis. Geflügelte Tengus findet ihr oft über Dächern und dienen euch als Enterhaken-Punkte, an denen ihr euch hochziehen könnt, während listige Nekomatas, also Katzenwesen mit zwei Schwänzen, die Händler im Spiel sind. Ghostwire: Tokyo hat aber nicht nur Hauptmissionen und ein paar Side-Quests, sondern auch sehr viele Collectibles für euch parat und orientiert sich hier sehr stark an der Ubisoft-Formel einer Open World. Ihr habt eine Map der Spielwelt mit einem Haufen Icons, die ihr - falls ihr das Spiel zu 100% beenden wollt - alle markieren und ablaufen könnt.

 

Tanukis verstecken sich als Gegenstände getarnt, die Nekomatas wollen Gegenstände von euch geliefert bekommen, die in der Spielwelt verteilt sind, es gibt 52 Jizo-Statuen zu finden, Sprachnotizen einzusammeln und dann sind da noch die Geister all der Menschen, die in Shibuya verschwunden sind. Diese schweben überall in der Welt, mal mehr, mal weniger versteckt. Um diese einzusammeln müsst ihr sie erst in kleine Papier-Talismane, die Katashiros, absorbieren und sie dann an einer Telefonzelle an KKs Kumpel Ed schicken. Insgesamt gibt es davon 240,300 Stück, die ihr zum Glück nicht alle einzeln einsammeln müsst. Alles davon ist natürlich optional und als Anreiz gibt es hier nur die unfassbar detaillierten Beschreibungen zu allen Items, die einfach zeigen, wie viel Wertschätzung der eigenen Kultur Tango Gameworks in dieses Spiel gesteckt hat. Mich konnte das durch das Setting zwar komplett abholen, aber es muss erwähnt werden, dass der Gameplay-Loop hier teilweise schon arg repetitiv ist.

Sakura und Neonschilder in Shibuya aus Ghostwire: Tokyo von Tango Gameworks und Bethesda
Ein wunderschöner Kontrast: Neon-Schilder und direkt daneben Bäume voller Sakura.

Die Spielwelt von Shibuya ist dabei einer der größten Faktoren, warum mich Ghostwire: Tokyo auch nach über 30 Stunden und etlichen virtuellen Metern, die ich hinter mich gebracht habe, nicht gelangweilt hat. Dabei spielt einerseits mein Fernweh eine sehr große Rolle, andererseits aber auch, mit wie viel Liebe zum Detail das Bethesda-Studio die Spielwelt geschaffen hat. Gemütlich durch Shibuya zu schlendern und an kleinen Konbinis vorbeizulaufen, nur um dann auf wichtige Wahrzeichen von Tokyo wie Shibuya Crossing zu stoßen, ist einfach ein verdammt schönes Gefühl, vor allem weil das Spiel auf der PlayStation 5 wahnsinnig schick aussieht. Zur Wahl habt ihr hier einen Performance Modus, aber auch einen Quality Modus mit inkludiertem RayTracing. Wer also auf eine höhere Framerate verzichten kann, kann dafür optisch noch mal ein bisschen mehr aus dem Titel rausholen.

"Ghostwire: Tokyo bildet ein Shibuya ab, das ich so detailliert noch nie in einem Videospiel gesehen habe und zollt dabei der japanischen Kultur an jeder noch so kleinen Ecke Tribut."

Ghostwire kam genau zur richtigen Zeit und hat bei mir in jeder Hinsicht die richtigen Knöpfe gedrückt. Ich weiß objektiv, dass das Spiel Schwächen hat, die man nicht wegdiskutieren kann - das Gameplay wiederholt sich in sich selbst teilweise stark, das Kampfsystem ist anfangs sehr sperrig bzw. nicht so schnell ausführbar, wie es die Kämpfe manchmal verlangen würden und die altbekannte Open World-Formel, mit einer World Map voller Icons und Collectibles, ist auch nicht mehr unbedingt zeitgemäß. Trotzdem kann ich das Spiel einfach nur lieben und würde sofort wieder 30 Stunden reinstecken. Ghostwire: Tokyo bildet ein Shibuya ab, das ich so detailliert noch nie in einem Videospiel gesehen habe und zollt dabei der japanischen Kultur an jeder noch so kleinen Ecke Tribut. Tango Gameworks schafft es, wie es kein westliches Studio jemals könnte, die eigene Kultur organisch in das Medium Videospiel zu übertragen und sie in eine Welt zu verpacken, in der Mythologie und Realität perfekt verschmelzen. Und jetzt mach bitte endlich die Grenzen auf Japan, ich will da auch im echten Leben hin. Nach diesem Spiel noch viel mehr.

Wertung zu Ghostwire: Tokyo von Tango Gameworks und Bethesda
4 von 5 Hannyas.

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