Fort Solis

   Von Miggi

Titelbild zu Fort Solis von Fallen Leaf, Black Drakkar Games und Dear Villagers

Könnt ihr euch noch an das Summer Game Fest 2022 erinnern? Die Haupt-Show von Geoff Keighley war damals nicht nur sehr Horror-lastig, sondern vor allem Horror-Spiele, die im Weltraum spielen, waren ungewöhnlich oft zu sehen. Sogar so oft, dass sich der Veranstalter nach der Show dazu gezwungen sah, aufzuklären, warum es so viele davon zu sehen gab. Anscheinend hatte es damals mit kurzfristigen Absagen von Publishern und Studios zu tun. Ich habe mich auf jeden Fall nicht beschwert, im Gegenteil. Als alter Dead Space-Fan habe ich mich über die Announcements und Infos zu The Callisto Protocol, Routine und Fort Solis sehr gefreut. Letzteres ist jetzt für PC und PlayStation 5 erhältlich und ich habe die Zeit vor der gamescom genutzt, um mir das Spiel noch im Detail anzusehen.

Fort Solis spielt in einer fiktiven Zukunft im Jahr 2080 und findet auf dem Mars statt. Der größte Fokus des Spiels liegt ganz klar auf der Story und zwar so sehr, dass kritische Stimmen vermutlich direkt wieder die "Walking Sim!!!!"-Keule auspacken werden. Ihr erhaltet als Jack Leary, der gerade an einer Station arbeitet einen ungewöhnlichen Notruf von der alten Station Fort Solis. Jack, der von Roger Clark synchronisiert wird, beschließt sich auf den Weg zur Station zu machen und wie es das Schicksal - und damit meine ich eigentlich die Writer*innen - so will, geht dort nicht alles mit rechten Dingen zu. Die Station scheint verlassen zu sein und befindet sich im Lockdown. Weil sich ein Sturm anbahnt beschließt Jack aber hineinzugehen und die Besatzung ausfindig zu machen. Dass das nicht so einfach wird, könnt ihr euch vermutlich schon vorstellen.

Ein Auto fährt über die Mars-Oberfläche in Fort Solis von Fallen Leaf, Black Drakkar Games und Dear Villagers
Space-Car goes brrrr. Ok, vielleicht nicht, im Weltraum macht ja nichts Geräusche. Obwohl, am Mars schon, oder?

Und hier muss man denke ich auch direkt ganz klar die Erwartungshaltung der Spieler*innen einfangen - denn Fort Solis ist kein Dead Space, kein Callisto Protocol und auch kein Resident Evil in Space und möchte das auch gar nicht sein. Das Spiel möchte euch zum großen Teil einfach nur eine Geschichte erzählen und fährt dafür alle anderen Gameplay-Elemente auf ein Minimum herunter. Es gibt ab und zu kurze Quick Time-Event-Passage, die euch kurz ins Geschehen miteinbeziehen, aber sonst könnt ihr zu einem sehr großen Teil mit eurem linken Stick und der Aktionstaste durchs Spiel kommen. Es gibt keine richtigen Kämpfe, ihr müsst nicht mit einer Waffe auf Gegner*innen zielen und schießen, müsst keine großen Skill-Checks abliefern, damit ihr nicht draufgeht und auch sonst erwartet euch hier nicht vieles, was eure Skills am Pad testet. Die schwerste Situation im Spiel für mich, war es einen Rubik's Cube zu lösen, den ich in einem Raum gefunden habe. Und Spoiler: ich habe es nicht geschafft, weil ich echt schlecht im Rubik's Cube lösen bin.

 

Es gibt aber auch außerhalb von Zauberwürfeln einiges zu finden - ihr könnt diverse Mail-Verläufe, sowie Sprach- und Video-Nachrichten der Crew finden, die euch mehr über die Geschichte erzählen und auch immer mehr Hintergründe dazu liefern, was auf der Mars-Station genau passiert ist. Je mehr ihr also findet und je besser ihr die Augen offen haltet, desto mehr Sinn ergibt die Story am Ende und desto besser versteht ihr die Beweggründe der verschiedenen Charaktere. Gleichzeitig könnt ihr aber auch andere Gegenstände in der Welt und vor allem Film-Poster finden, zu denen sich Jack und seine Kollegin Jessica, die von Julia Brown gesprochen und gespielt wird, austauschen. Deren Interaktion über das in den Anzug integrierte Kommunikations-System hat mich über den Spielverlauf hinweg immer wieder mal zum Schmunzeln gebracht. Die Dynamik der beiden ist einfach richtig gut umgesetzt und hier glänzen die beiden Talente perfekt in ihrer Besetzung.

Jack steht in einer Werkstatt in Fort Solis von Fallen Leaf, Black Drakkar Games und Dear Villagers
WD-40 ist auch 2080 aus keiner Werkstatt wegzudenken.

Das ganze funktioniert vor allem als Videospiel aber nur solange gut, solange die Spannung zu 100% aufrecht erhalten bleibt. Und über große Teile der Story schafft das Fort Solis auch eigentlich recht gut. Items und Informations-Bits sind so platziert, dass einem nicht langweilig wird und gleichzeitig streut das Spiel immer mal wieder kleine Schockmomente oder Abschnitte ein, die Furcht & Ungewissheit aufbauen. Leider gibt es ab und an aber auch immer wieder mal Passagen, die vom Pacing her einfach zu sehr in die Länge gezogen wurden. Solche in denen sich bestimmte Abläufe einfach ziehen bzw. wiederholen und denen daurch direkt die Spannung genommen wird. Am negativsten ins Gedächtnis gebrannt hat sich hier bei mir eine Situation, in der man durch den Lüftungsschacht kriechen muss, damit der Protagonist aus einem Bereich entkommt, in dem zu wenig Sauerstoff vorhanden ist. Die ganze Situation war in ihrem eigentlichen Zeitdruck so unaufgeregt und lahm, dass bei mir keinerlei Angst oder Panik aufkam. Ich bin einfach nur stumpf mit meinem Stick nach vorne den Schacht entlang gekrabbelt, habe ab und zu die Aktionstaste gedrückt und gefühlt konnte man hier gar nichts falsch machen, da der ganze Ablauf eh geskripted war. Da halfen auch die panischen Schreie von Jacks Kollegin und der schallende Alarm nicht wirklich.

 

Und das ist auch das Hauptproblem, das ich mit Fort Solis habe. Solange man sich auf das minimale Gameplay und die Story vollends einlassen kann, bekommt man hier für seine 30€ für vier bis maximal fünf Stunden schon solide Unterhaltung geboten. Wie wenn man eine Netflix-Serie durchbinged. Wird man aber einmal aus der Immersion gerissen und betrachtet dann das ganze zwangsweise als reines Videospiel, dann wird man schnell enttäuscht. Und durch die Pacing-Probleme, in denen das Spiel einen handlungsbedingt von Ort A nach Ort B bringen muss und der Weg eventuell auch einmal ein bisschen länger ist, kann man diese Schwäche leider nicht ignorieren. Hier wird einem dann einfach auf die Nase gebunden "Hey, das hier ist kein 0815-Spiel, aber weil wir jetzt auch nicht wie in einem Film einfach nen Cut einfügen können, musst du da leider durch. Wir sehen uns in 5 Minuten, wenn du da angekommen bist, wo die Story weitergeht!". Das ist schade und hier hätte man meiner Meinung nach zugunsten des Spielspaßes auch gerne mal das ein oder andere Plothole in Kauf nehmen können, um das Pacing ein bisschen zu beschleunigen. Ich muss nicht 5 Tore aufmachen, um ans Ziel zu kommen, dazu ist Jack einfach zu langsam und schon bei der dritten Wiederholung hatte ich keinen Spaß mehr von der Lore abzusteigen, die Leiter runter zu klettern, den Knopf zu drücken, die Leiter wieder hoch ... ihr könnt euch den Rest denken. Da hilft es auch nichts, dass die Umgebung richtig gut aussieht.

Jack findet eine Leiche in Fort Solis von Fallen Leaf, Black Drakkar Games und Dear Villagers
So richtig happy & healthy sieht der Kollege jetzt nicht unbedingt aus.

Optisch ist Fort Solis nämlich eine richtige Augenweide. Sowohl die engen Gänge der Station mit ihren Kabeln, Lichtern, Monitoren und Werkzeug-Allerlei, als auch die ruppige Mars-Oberfläche, auf die es einen immer wieder verschlägt, sind für die Augen eine richtige Wohltat. Das in der Unreal Engine 5 entwickelte Spiel liefert in technischer Hinsicht richtig ab und zumindest was die optische Präsentation angeht, werden einem so keine Steine in den Immersions-Weg gelegt. Das 20-köpfige Studio hat hier wirklich alle Register gezogen und schon im Performance-Modus stellt man sich immer wieder die Frage, wie so ein kleines Team ein so schönes und hochwertiges Spiel hinbekommen hat. Das kann man nämlich auch direkt so aufs Audio-Design beziehen, das es immer wieder schafft wichtige Momente mitzutragen und zusätzliche Spannung aufzubauen. So wird die filmische Inszenierung nur noch deutlicher.

"Fort Solis ist die Netflix-Serie in Spielform, deren Immersion nur durch Pacing-Probleme ab und zu gebrochen wird, und die man sonst einfach perfekt durchbingen kann."

Ich glaube man muss einfach wissen, worauf man sich in Fort Solis einlässt, damit man nach der Reise auf den Mars nicht völlig enttäuscht seine PlayStation 5 oder den PC ausmacht. Der Science Fiction-Horror kommt mit wenig traditionellen Gameplay-Elementen, dafür aber sehr starkem Fokus auf die Charaktere, deren Geschichten und der Performance der Schauspieler*innen. Die Geschichte, die sich über insgesamt vier Kapitel erstreckt, lässt sich eher wie eine Serie betrachten, als es Sinn machen würde es mit traditionellen Videospielen zu vergleichen. Fort Solis ist die Netflix-Serie in Spielform, deren Immersion nur durch Pacing-Probleme ab und zu gebrochen wird, und die man sonst einfach perfekt durchbingen kann. Durch die Unreal Engine 5 im Rücken sehen sowohl die Charaktere als auch die Welt wahnsinnig gut aus, das Audio-Design ist on point und mir sind während meines Playthroughs keine störenden Bugs oder sonstiges untergekommen. Und wer eine richtige Herausforderung sucht, sollte sich einfach mal am Rubik's Cube versuchen. Der hat sogar mich gebrochen.

Wertung zu Fort Solis von Fallen Leaf, Black Drakkar Games und Dear Villagers
3,5 von 5 Mars-Oberflächen.