Vampyr

   Von Miggi

Vampyr, Dontnod, John Reid, Doktor, Vampir, Mary, London, Docks, White Chapel, 1918, Priwen, Myrddin,

Vampire waren schon immer interessant und irgendwie ein Teil meines popkulturellen Horizonts. Durch die große Begeisterung meiner Mutter zu Fledermäusen und damit einhergehend natürlich auch zu Vampiren, war ich sehr bald pro-Vampir-geprägt. Und da rede ich zu meinem Glück nicht von glitzernden Vampiren à la Twilight, sondern von - meinem Verständnis nach - richtigen Vampiren. Ich habe relativ früh von der Existenz von Filmen wie From Dusk Till Dawn, Blade oder Interview mit einem Vampir erfahren bzw. sie auch gesehen. Habe VIVA nicht primär für Musikvideos genutzt, sondern um neben anderen Animes auch Hellsing zu verfolgen. Und ich habe die für mich bis heute prägendsten Spiele mit vampirischen Charakteren gespielt. Dazu zählt natürlich Castlevania, aber auch Titel wie Soul Reaver und das Gameboy Advance-Spiel Boktai, das mit besonderem UV-Sensor am Modul aufwarten konnte.

Das für mich prägendste Vampir-Spiel war und ist bis heute aber Vampires Dawn: Reign Of Blood (und der Nachfolger Ancient Blood) des deutschen Entwicklers Alexander ‚Marlex‘ Koch, das im RPG Maker entwickelt wurde und mich irgendwann Anfang 2000 auf einer CD der Bravo Screenfun aus dem nichts überrascht hat. Seitdem war mir bewusst, dass Vampire und Rollenspiele eine richtig gute Kombination sein können. Nur wurde das nie in der Art und Weise umgesetzt, wie ich es mir gewünscht hätte. Als ich dann das erste Mal gelesen hatte, dass Dontnod Entertainment - das französische Entwicklerstudio, das man spätestens seit Life is Strange auf dem Schirm haben sollte - ein Spiel namens Vampyr entwickeln, wurde in mir seit langer Zeit wieder einmal die Hoffnung geweckt, dass wir es hier mit einem guten Vampir-RPG zu tun bekommen werden. Und durch Life is Strange hoffte ich vor allem auf eine ausgeklügelte und mitreißende Story.

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Zum Anbeißen!

Im Jahr 1918, in dem Vampyr startet, reist der Arzt Johnathan Reid zurück nach London, nachdem er im ersten Weltkrieg seine medizinischen Fähigkeiten an der Front einsetzen konnte. Er ist Spezialist für Bluttransfusionen und will eigentlich nur seine kranke Mutter in der Stadt besuchen. In einer schicksalhaften Nacht wird er aber von einem Vampir attackiert und wacht wenig später totgeglaubt in einem Massengrab wieder auf. Während er verwirrt durch die Straßen Londons stolpert, trifft er auf seine Schwester Mary, der er getrieben von seinem Durst nach Blut in den Hals beißt und ihr das Blut aussaugt. Viel Zeit zum Trauern habt ihr allerdings nicht, da ihr auf der Flucht vor den Priwen-Guards den leblosen Körper eurer Schwester zurücklassen müsst, um nicht selbst ein toter Untoter zu werden.

 

Ihr flüchtet euch in erster Hast in ein Haus, in dem ihr durch die richtigen Hinweise die erste wirklich tragische NPC-Geschichte errätseln könnt. Dort wird außerdem das erste Mal das Skill-System von Vampyr erklärt: indem ihr andere tötet, seien es nun Feinde oder auch euch freundlich gesinnte NPCs, erhaltet ihr Erfahrungspunkte. Diese könnt ihr in Verstecken, in denen ihr euch tagsüber im Bett ausruht, auf bestimmte Fähigkeiten und Werte verteilen. Getrieben von Rachegelüsten, an dem, der ihn zum Vampir gemacht hat und der für Johnathan die Schuld am Tod seiner Schwester trägt, trefft ihr in der Vampirhaut auf einen Arzt in Nöten. Habt ihr diesen gerettet, bietet er euch an, euch in seinem Krankenhaus aufzunehmen, damit ihr ihm dort behilflich sein und gleichzeitig eure Forschung vorantreiben könnt. Dort angekommen werdet ihr eingeführt in das Dialogsystem des Spiels. Dieses bietet verschiedene DIalogmöglichkeiten, ähnlich wie Mass Effect. Durch Hinweise zu Charakteren, die ihr in Gesprächen erhaltet oder in der Spielwelt findet, können zusätzliche Dialogoptionen freigeschalten werden.

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London calling! Yes, I was there too. and you know what they said? Well, some of it was true!

Das Spiel selbst bestreitet ihr aus einer 3rd-Person-Perspektive, in der ihr euren Protagonisten durch das realistisch anmutende London steuert. Die Kämpfe gegen niedere Vampire, die weiter oben erwähnten Priwen-Guards und allerhand andere feindlich gesinnte Geschöpfe laufen in Echtzeit ab. Ähnlich wie in Spielen der Dark Souls-Reihe habt ihr eine Ausdauer-Leiste, die pro Schlag und Ausweichmanöver weniger gefüllt ist und aufgeladen werden muss, wenn sie ganz leer ist. Außerdem habt ihr verschiedene Spezialmanöver, die ihr im Laufe des Spiels aufwerten bzw. freischalten könnt. Einige davon sind defensiv, einige davon offensiv. Um diese nutzen zu können, braucht euer Charakter aber Blut, quasi das Mana von Vampyr. Blut bekommt ihr in kleinem Rahmen von Ratten, die sich in der Spielwelt herumtreiben oder eben von Menschen und Gegnern. Dazu müsst ihr die Gegner entweder außerhalb des Kampfes überraschen oder sie mit bestimmten Waffen aus der Fassung bringen. Das eigentlich einfach wirkende Kampfsystem hat also auf Dauer weit mehr Tiefe, als es scheinen mag.

 

Ein Element, das dem Spiel neben Kämpfen und Dialogen zusätzliche Brisanz verleiht, ist der Gesundheitszustand und die teilweise daraus resultierenden Konsequenzen der Stadtbezirke. Die vier Hauptbereiche des Spiels haben nämlich durch die NPCs, die in dem Bezirk wohnen eine eigene Stabilitätsleiste. Entscheidet ihr euch gemäß eurer Berufung als Arzt dazu, Krankheiten der Bewohner mit selbstgecrafteter Medizin zu heilen, bleibt auch das Gebiet gesund und ist für euch leichter zu bereisen, da sich weniger Gegner darin aufhalten. Außerdem erhöht die Heilung der NPCs die Erfahrungspunkte, die ihr erhaltet, solltet ihr euch entscheiden den Bewohner auszusaugen. Das bringt euch zwar auf einen Schlag sehr viel XP, treibt aber die Stabilität des Bezirks weiter nach unten. So wandelt ihr stets auf einem schmalen Grad zwischen den wichtigen Erfahrungspunkten und der Frage, ob ihr dafür einen (vielleicht auch in Zukunft noch wertvollen) Charakter "opfern" möchtet.

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Darkness Motherf***ers!

Abseits der frischen Ideen und unverbrauchten Gameplay-Elementen, die man sich von einem Studio wie Dontnod auch erhofft hat, gibt es aber leider auch ein paar Kritikpunkte. Die Grafik, vor allem die Mimik der Charaktere und diverse Texturen, schöpfen leider nicht das totale Potenzial der aktuellen Generation aus. Wirklich störend ist es nie, doch es führt mich zum nächsten Punkt, der dadurch noch weniger Sinn ergibt: vor allem auf den Basis-Modellen von Playstation 4 und Xbox One sind die Ladezeiten des Spiels enorm hoch. Auf der Xbox One X wirkten sie sich nie störend aus, ich habe aber von nicht wenigen Leuten gehört, dass Gebäudewechsel und andere Ladezeiten leider übermäßig lange gedauert haben. Das tut dem Spiel, das seine Geschichte möglichst flüssig erzählen und den Spieler damit in seinen Bann reißen möchte, natürlich nicht sonderlich gut.

 

Trotz seinem teilweise hohem Schwierigkeitsgrad, den ich bis zu einem gewissen Punkt aber auch selbst verschuldet habe, da ich mich dazu entschied keinen Bewohner Londons nur für Erfahrungspunkte auszusauen, hat mich Vampyr durchgängig vor die Konsole gefesselt. Die spannend erzählte Geschichte, die mit einer selten erlebten Grundstruktur, nicht vorhersehbaren Twists und einer glaubwürdig lebendigen Umgebung aufwarten kann und das Kampfsystem, in das ich mich weit genug einarbeiten konnte, ohne, dass es langweilig wird, haben mich gleichermaßen begeistert. Meine Erwartung endlich wieder ein anständiges Vampir-RPG in Händen zu halten, hat sich auf jeden Fall erfüllt. Wenn eben auch nicht ganz fehlerfrei. Hätte man noch etwas weiter an der Optik, kleinen Glitches und vor allem den Ladezeiten gearbeitet, hätte der Titel für viele Spieler noch zugänglicher und weniger frustrierend ausfallen können. Alleine das Gebiet-System und der Nervenkitzel zwischen aussaugen oder Menschen verschonen ist es aber mehr als nur wert, die Fangzähne in Vampyr zu versenken.

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4 von 5 Blutspritzern.

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