Kingdom Come: Deliverance

   Von Miggi

Kingdom Come Deliverance, Kingdom, Come, Deliverance, Heinrich, Böhmen, Kaiser, Papst, Mittelalter, 1403, Warhorse, Deep Silver, Schmied, historisch, Rattay, Uschitz, Sigismund, Ungarn, Skalitz, Wicht, Schwert

Kingdom Come: Deliverance bot bereits vor Release genügend Stoff für zahlreiche Diskussionen, die auch rege geführt wurden. Bereits im Januar 2014 startete das zuständige Indie-Entwicklerteam Warhorse Studios eine wahnsinnig erfolgreiche Kampagne auf Kickstarter, die ihr eigentliches Ziel weit überschritt. Aus den ursprünglich benötigten 350.000 Euro wurden bis zum Ende der Kampagne ganze 1,2 Millionen und das Studio erhielt 2015 einen Platz unter den Top Ten der innovativsten Unternehmen der Welt. Aus allen Projekten, die 2014 auf Kickstarter gepostet wurden, war Kingdom Come: Deliverance gemessen an der Anzahl der Unterstützer das erfolgreichste Projekt des Jahres. Die Idee des Studios war es, ein bisher nie dagewesenes Rollenspiel-Epos zu schaffen: gemeinsam mit erfahrenen Historikern sollte es geschichtlich so akkurat werden, wie es kein RPG vorher geschafft hat, sich stark an wahren Begebenheiten orientieren und in einem Gebiet spielen, das damals genau so existiert haben soll und auch die Spielmechaniken sollten daran angepasst werden.

 

Diese Idee führte zu weiteren Diskussionen, in die sich auch Warhorse Studios-Gründer Daniel Vávra, seines Zeichens Schöpfer von Mafia und Mafia 2, verwickeln ließ. Nach den ersten Screenshots, Trailern, Alpha- und Beta-Phasen tat sich bei vielen Spielern die Frage auf, ob das Spiel sich nicht unter dem Deckmantel der historischen Genauigkeit viel zu steif auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe beschränke. Vor allem auf Twitter ließ Vávra in dieser Diskussion seine Nähe zur #gamergate-Bewegung klar durchscheinen - auf die Frage, ob er behaupte, dass es in Nord- und Westeuropa keine nicht-weißen Menschen gab, antwortete er beispielweise klar mit "Yes I am, because they weren't". Vermutlich gibt es in diesem Punkt nicht die eine Wahrheit. Ein Historiker wird etwas anderes behaupten als der Nächste. Vermutlich gibt es Gebiete, in denen zu dieser Zeit wirklich keine Dunkelhäutigen lebten. Die Diskussion geriet nach dem Gamescom-Auftritt Vávras, in dem er ein Shirt der in Nazi-Kreisen sehr beliebten Band Burzum trug, jedenfalls aus den Fugen und wurde losgelöst vom Spiel selbst geführt. Mehr als nur ein guter Grund also, das Spiel genauer unter die Lupe zu nehmen.

Kingdom Come Deliverance, Kingdom, Come, Deliverance, Heinrich, Böhmen, Kaiser, Papst, Mittelalter, 1403, Warhorse, Deep Silver, Schmied, historisch, Rattay, Uschitz, Sigismund, Ungarn, Skalitz, Wicht, Schwert
Keep ridin', ridin', ridin', ridin'. Keep ridin', ridin', ridin', ridin'.

Die Geschichte beginnt relativ unaufgeregt: in der Haut von Heinrich lebt ihr ein einfaches Leben in Skalitz. Als Sohn des Schmiedes erledigt ihr Botengänge für euren Vater, trefft eure Angebetete in der Schenke, verprügelt einen Trunkenbold der eurem Vater Geld schuldet und werft mit euren beiden besten Freunden  Exkremente auf das Haus des "Deutschen". Ein normaler Dienstag. Oder an welchem Tag der Woche ihr das auch immer macht. Während ihr dabei die Grundzüge des Spiels, wie eben Faustkämpfe, das Feilschen oder auch Schlossknacken erlernen und diverse andere Tutorials und historisches Nachlesen könnt, nimmt die Geschichte auch schon bald Fahrt auf. Euer Heimatdorf wird von einer großen Armee angegriffen, die nicht nur eure Eltern ermordet, sondern auch das komplette Dorf verwüstet und euch dazu zwingt zu fliehen. Recht viel mehr will ich hier auch nicht über die Geschichte von Kingdom Come: Deliverance verlieren, denn die filmreif erzählte Geschichte bildet eines der Herzstücke des Spiels. Mit euren Taten und Entscheidungen beeinflusst ihr den Ablauf der Geschichte maßgeblich - selbst die Wahl wie schnell ihr Quests erledigt, wirkt sich auf euch und eure Spielwelt aus, denn die Zeit steht nie still im mittelalterlichen Böhmen.

 

Der gelebte Realismus schlägt auch in vielen anderen Bereichen des Spiels teilweise gnadenlos zu. Eine Schnellspeicherfunktion wurde im Spiel zwar integriert, jedoch müsst ihr für jedes Speichern einen sogenannten Retterschnaps opfern, den ihr bei Händlern käuflich erwerben könnt. Auch Essen oder Schlafen dürft ihr nicht vernachlässigen. Tut ihr das wirkt sich das auf euer Sichtfeld aus und Heinrich taumelt übermüdet durch die Welt. Diese realistischen Mechaniken lassen sich auf so gut wie jedes Feld des Spiels ummünzen. Badet ihr zu lange nicht, beginnt ihr zu stinken und den NPCs fällt dies unangenehm auf. Trinkt ihr zu viel in der Taverne, habt ihr am nächsten Morgen einen Kater. Kämpft ihr zu viel nützt sich eure Rüstung ab, euer Schwert wird stumpf und das Blut auf eurer Kleidung müsst ihr auch erst einmal abwaschen, damit Dorfbewohner wieder normal auf euch reagieren. Durch gewisse Entscheidungen des Entwicklerteams wird zwar das Spiel um einiges behäbiger, aber auch realistischer. Und das war von Anfang an das Ziel von Warhorse Studios. Auftrag also mehr als erfüllt.

Kingdom Come Deliverance, Kingdom, Come, Deliverance, Heinrich, Böhmen, Kaiser, Papst, Mittelalter, 1403, Warhorse, Deep Silver, Schmied, historisch, Rattay, Uschitz, Sigismund, Ungarn, Skalitz, Wicht, Schwert
Auf eurer Reise trefft ihr allerhand NPCs mit teilweise sehr spannenden Geschichten.

Realismus wird auch beim Kampfsystem groß geschrieben. Die Abfolge eurer Waffenhiebe, Blocks und Bewegungen muss in Kingdom Come: Deliverance perfekt abgestimmt sein, damit ihr in den Kämpfen eine Chance habt. Gleichzeitig gilt es den Schlägen und eventuell sogar Pfeilen der Gegner auszuweichen. Aus sechs Richtungen wählt ihr die Richtung eurer Schläge und Blocks aus und fast jede Aktion kostet euch einen Teil eurer Ausdauer-Leiste. Lediglich perfekte Aktionen wie punktgenaues Ausweichen schonen eure Energie. Die Kämpfe sind jedes Mal absolut ernst zu nehmen, da ihr schneller, als es euch oft lieb sein mag, das Zeitliche segnen könnt - vor allem wenn ihr in der Unterzahl seid, ist es oft klüger die Beine in die Hand zu nehmen, um nicht vom letzten Speicherpunkt neu starten zu müssen. Mit jedem Kampf sammelt ihr aber auch Erfahrung, die ihr ab einem gewissen Fortschritt in besondere Fähigkeiten umwandeln könnt. Das gilt aber nicht nur für die Kämpfe, sondern auch für jede andere Tätigkeit im Spiel, sei es Reiten, Jagen oder mit anderen Charakteren reden. Diese Boni stellen euch oft auch vor die Wahl: wollt ihr lieber in ungemütlichen Schlafmöglichkeiten oder normalen Betten besser eure Energie regenerieren? Je nach eurem Spielstil, könnt ihr Heinrich so spezialisieren, wie ihr es benötigt.

 

All das klingt fast zu gut um wahr zu sein. Und würde all diesen Ideen nicht zu oft die Technik einen Strich durch die Rechnung machen, wäre es das vermutlich auch. Leider kommt es beim Spielen aber zu oft zu Glitches, Bugs, Abstürzen und weiteren Problemen, um die Story und das Ambiente sorgenfrei genießen zu können. Beim Anspielen ist es mir nicht nur ein Mal passiert, dass das Spiel abstürzte oder mitten im Ladebildschirm hängen blieb und ich es neu starten musste. Durch das relativ selten genutzte Auto-Save-Feature und das vorhin beschriebene Speicher-System musste ich zum Beispiel einen Abschnitt in dem ich fünf Minuten durch einen Wald lief drei Mal wiederholen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch sehr kontraproduktiv gegenüber dem sonst gelebten Realismus. Genauso störend sind spät aufploppende Objekte und Texturen. Manche NPCs sind mir teilweise fast nackt entgegen gelaufen, während erst später ihre Kleidung rund um ihre Körper erschien. Hinzu kommen nicht wirklich verständliche Entscheidungen wie unsichtbare Mauern oder Abgrenzungen der Spielwelt durch unerklimmbare Hügel oder undurchdringliches Gestrüpp. So werden Bereiche etwas schlauchartiger gestaltet, was natürlich der Story zuträglich dient, in einer real anmutenden Spielwelt sind diese aber total fehl am Platz. Dass bei einem Projekt dieser Größe und mit diesen Ansprüchen nicht entsprechend genau auf diese Art von Fehlerquellen geachtet wurde, lässt sich bei einem Open World-RPG zwar nie gänzlich vermeiden, ärgert aber durch die ursprüngliche Herangehensweise von Kingdom Come: Deliverance umso mehr.

Kingdom Come Deliverance, Kingdom, Come, Deliverance, Heinrich, Böhmen, Kaiser, Papst, Mittelalter, 1403, Warhorse, Deep Silver, Schmied, historisch, Rattay, Uschitz, Sigismund, Ungarn, Skalitz, Wicht, Schwert
Natürlich kommen im mittelalterlichen Böhmen auch die Kämpfe nicht zu kurz.

Kingdom Come: Deliverance sticht aus der Masse der Rollenspiele in Mittelaltersetting klar heraus und darf sich für seine Leistungen und Konsequenz auf die Schulter klopfen lassen. Auch die Kontroversen im Vorfeld sind mir zu keinem Zeitpunkt im Spiel störend aufgefallen. Die Bevölkerung des großen Spielgebiets ist gut durchmischt, im gegnerischen Heer begegnet ihr beispielsweise Ungarn und Kumanen, ihr werdet Menschen jüdischer Herkunft über den Weg laufen und all das könnt ihr detailliert im Kodex des Spiels nachlesen. Rassismus oder sonstige Diskriminierung ist dabei zumindest für mich nicht erkennbar gewesen. Natürlich gibt es eine gewisse Rangordnung im Spiel, die ihr aber als Nicht-Adliger auch am eigenen Leib miterleben werdet. Das dies historisch aber auch belegt so stattfand, wird wohl niemand bestreiten.

 

Vom reinen Aufbau her erreicht Kingdom Come: Deliverance das hoch gesteckte Ziel, eine möglichst realistische Mittelalter-Simulation zu sein, mehr als jedes andere Spiel dieses Genres. Die etwas behäbige Story und einige weitere Mechaniken sind dabei jedoch Opfer von genau diesem Realismus. So habt ihr nicht immer einen flüssigen Spielablauf, sondern teilweise viel eher eine mittelalterliche Lebens-Simulation. Diese Art von Spiel muss man definitiv mögen, um mit dem RPG-Epos seinen Spaß zu haben. Hat man sich aber erst einmal darauf eingelassen und ist ein paar Stunden in das Spielgeschehen eingetaucht, fesselt die packende Story rund um Heinrich und den Tod seiner Eltern definitiv vor den Bildschirm. Dabei vergehen schneller als man denkt mehr als 50 Stunden, um die Hauptstory und alle Nebenquests abzuschließen benötigt man laut den Warhorse Studios sogar über 100 Spielstunden. Meiner Erfahrung nach, kann ich das für bare Münze nehmen. Leider stören die weiter oben genannten Bugs und Fehler aber das Spiel teilweise sehr und dem Spieler wird zu oft wieder ins Gedächtnis gerufen, dass es sich doch um ein Spiel handelt. Komplettabstürze wenn gewisse Videosequenzen falsch getriggert werden und spät ladende Texturen sollten auch in einem Open World-Spiel 2018 der Vergangenheit angehören. Ohne all dem wäre Kingdom Come: Deliverance bestimmt weit oben dabei, wenn es in knapp 11 Monaten um das Spiel des Jahres gehen wird. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass diese Probleme mit kommenden Patches ausgebügelt werden, denn ein Großprojekt wie dieses am fehlenden Feinschliff scheitern zu sehen, wäre sehr schade.

 

Hinweis: Sollten durch zukünftige Patches die technischen Probleme verringert bzw. behoben werden, behalten wir uns vor, die Wertung dahingehend anzupassen.

Kingdom Come Deliverance, Kingdom, Come, Deliverance, Heinrich, Böhmen, Kaiser, Papst, Mittelalter, 1403, Warhorse, Deep Silver, Schmied, historisch, Rattay, Uschitz, Sigismund, Ungarn, Skalitz, Wicht, Schwert
3,5 von 5 KcD-Logos.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0