Terra Nil

   Von Miggi

Titelbild zu Terra Nil von Free Lives und Devolver Digital

Während sich die globale Klima-Situation immer weiter zuspitzt und Menschen sich auf Straßen kleben und andere Wege suchen, um auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen, fällt es vor allem uns oft sehr leicht dem guten alten Eskapismus zu fröhnen. Wie gerne macht man nach der nächsten Horror-Meldung in den Nachrichten die Konsole oder den PC an, um sich in andere Welten zu flüchten, in denen noch alles in Ordnung ist oder man zumindest die Möglichkeit hat als Held*in wieder mal im Alleingang das Happy End zu bringen. Zumindest meistens. Es gibt aber auch Spiele, die sich spielerisch mit aktuellen Themen auseinandersetzen, diese in ihr Gameplay integrieren und teilweise unterschwellig, teilweise aktiv Themen behandeln, die uns eigentlich viel mehr beschäftigen sollten. Ich finde beides nicht nur berechtigt, sondern auch echt wichtig. Ab und zu sollte man auch in seiner Flucht in virtuelle Welten ein bisschen zum Nachdenken angeregt werden. Und zu kaum einem anderen Zeitpunkt hätte vermutlich ein Spiel wie Terra Nil besser gepasst, als 2023.

Ihr kennt bestimmt alle Aufbau-Simulationen wie Sim City, Die Siedler oder auch Cities: Skylines. In all diesen Genre-Vertretern der City-building Games müsst ihr eine Stadt erbauen und deren Infrastruktur immer weiter verbessern, damit die Bewohner*innen happy sind. Je größer die Stadt dabei ausgebaut ist, desto besser. Das Spiel Terra Nil hat das Genre allerdings etwas neu gedacht und anstatt große Städte und riesige Bauwerke müsst ihr hier die Natur zurück in ein unfruchtbares Ödland bringen, in dem eigentlich nichts mehr wachsen und leben kann. Gebäude gibt es dabei keine, euer Fokus liegt komplett darauf die verschiedenen Kontinente wieder der Natur zurückzugeben und die Auswirkungen der Klimakatastrophe rückgängig zu machen. Ursprünglich 2019 auf der Game Jam Ludum Dare entwickelt, wurde das Spiel danach in Zusammenarbeit mit dem Studio Free Lives noch weiter ausgebaut und ist mittlerweile für PC und Mobile Devices verfügbar.

Um die Natur wieder dahin zu bringen, wo sie eigentlich nicht mehr existieren kann, müsst ihr aber natürlich auf ein paar technische Wundergeräte zurückgreifen, die den Boden wieder fruchtbar machen und überhaupt braucht ihr dafür erst einmal Strom. Den bekommt ihr indem ihr z.B. Windräder auf Steinen platziert, von denen aus ihr dann in einem bestimmten Radius eure Entgiftungs-Maschinen und Wasserpumpen platzieren könnt. Habt ihr den Boden dann wieder bepflanzbar gemacht, müsst ihr dort Wiesen platzieren und vor allem immer auf eure Ressource(n) achten. Hier habt ihr nicht mehrere verschiedene wie Erz, Holz und Co., sondern nur eine bestimmte Anzahl an Punkten, mit denen ihr ein Level jeweils startet. Um diese wiederum neu auffüllen zu können, müsst ihr im Grunde nur das Spiel spielen. Je mehr Natur ihr zurück in den jeweils zufällig generierten Abschnitt bringt, umso mehr füllen sich eure Punkte wieder auf. Baut ihr zu viel Technik, die der Natur nichts zurück gibt, verliert ihr eure Punkte allerdings und könnt irgendwann nichts mehr bauen.

 

In der gamescom-Demo letzten August habe ich mich hier ohne Tutorial-Nachrichten noch wirklich schwer getan herauszufinden, was nun eine sinnvolle Investition ist und was ich nun lieber nicht bauen sollte. Ich habe anfangs zum Beispiel sehr ausgiebig meinen Fluss ausgebaut, ohne zu merken, dass dies hauptsächlich Ressourcen frisst und nur sparsam eingesetzt werden sollte. Im finalen Spiel hatte ich jetzt aber das Gefühl, dass die Tutorials wirklich gut eingebaut wurden, ohne einem alles zu sehr auf die Nase zu binden und einen schön in die richtige Richtung weisen. Gleichzeitig habt ihr nicht von Anfang an alles zur Verfügung, um das jeweilige Level abzuschließen. Terra Nil gibt euch hier immer stückchenweise mehr Bau-Möglichkeiten, je nachdem, wie weit ihr schon voran gekommen seid. Für manche müsst ihr bestimmte Dinge erfüllen, andere schalten sich automatisch frei, sobald ihr eine festgelegte Prozentanzahl im Level entgiftet habt.

Eine Wiese brennt in der Landschaft in Terra Nil von Free Lives und Devolver Digital
Manchmal müssen Dinge brennen, damit neues gedeihen kann. Und ja, das ist zwischen den Zeilen ein Aufruf zur Enteignung.

Unterteilt ist das pro Level alles in jeweils 3 Stufen: zuerst versucht ihr den Boden wieder fruchtbar zu machen, Wasser in die Flüsse zu bekommen und einfach mal das Gift aus der Erde zu holen. Dieser Schritt ist noch relativ simpel und sollte auch keine riesengroße Herausforderung darstellen. Zumindest nicht im ersten Gebiet. Im zweiten Schritt gilt es dann bestimmte Vegetations-Arten aufzubauen, wie etwa Waldstücke, Blumenwiesen oder auch Sumpflandschaften. Diese braucht ihr, damit ihr zum einen Diversität in der Flora schafft, aber auch um im letzten Step die Bedingungen zu erfüllen, um bestimmte Tierarten wieder heimisch werden zu lassen. Zu guter letzt müsst ihr nämlich dann alles, was ihr gebaut habt, wieder einsammeln, nach Tierarten in der Umgebung scannen und euch vom Acker machen, sobald die Natur ihr Fleckchen zurückerobert hat. Am Ende könnt ihr eure Natur-Landschaft noch einmal bestaunen und dann ins nächste Gebiet aufbrechen.

 

In Terra Nil befindet ihr euch nämlich nicht nur an einem einzigen Stück der Erde, sondern könnt von Kontinent zu Kontinent hüpfen. Wo also am Anfang noch Wälder und Wiesen vorherrschen, gibt es später Strandgebiete oder auch eine Vulkanlandschaft, die eigentlich einmal der Nordpol war. Dort ändert sich dann nicht nur Flora und Fauna, sondern auch die Werkzeuge, die euch das Spiel zur Hand gibt. Immerhin habt ihr es hier auch mit anderem Boden und generell Bedingungen zu tun. Jeder Kontinent hat dabei eine eigene Prozent-Anzeige, wie viel ihr davon schon renaturalisiert habt und kann individuell gespielt werden. Je weiter ihr im Spiel vorankommt, desto schwerer werden allerdings auch die Aufgaben und besonders die Vulkanlandschaft hat mir hier einiges an Planung abverlangt. Manchmal ist es in solchen Situationen dann auch besser ein Level einfach neu zu starten - ihr könnt zwar einen eurer Züge jeweils noch rückgängig machen, wenn ihr euch aber schon mehr verbaut habt im Level und Ressourcen verschwendet habt, bringt das manchmal auch nicht mehr so viel.

Ein Notizbuch mit einer Turbine und einem Entgifter in Terra Nil von Free Lives und Devolver Digital
Euer kleines Notizbuch ist für alle Gebäude-, Pflanzen- und Tierarten euer treuer Begleiter.

Optisch punktet das Spiel vor allem durch die farbenfrohe Welt, zumindest sobald ihr erst einmal ein bisschen am Spielen seid. Vielleicht ist es auch genau der Kontrast, der hier nochmal viel zum Gesamtbild beiträgt. Jedes Mal, wenn man in eines der grauen und kaputten Levels startet und dann nach und nach die Welt begrünt und säubert ist es einfach wunderschön anzusehen, wie alles wächst und gedeiht. Das hat dann einen ähnlichen Effekt, wie wenn man in Dorfromantik die Teile aneinanderbaut - es fühlt sich einfach wahnsinnig befriedigend an, wenn man die Geräte platziert und direkt das Gras aus der Erde sprießt, dabei noch schöne Sounds macht und man gleichzeitig in der linken oberen Bildschirmecke seine Ressourcen wachsen sieht. Zusätzlich läuft während des ganzen Spiels im Hintergrund noch super relaxte Musik, die das cozy Spielerlebnis perfekt abrundet. Den Stempel "wholesome" hat Terra Nil auf jeden Fall mehr als verdient.

"Terra Nil spricht mit seiner Wholesomeness und der ruhigen Spielweise bei mir ganz bestimmte Rezeptoren im Gehirn an, wie es kaum ein anderes Spiel schafft und ist fast schon ein meditatives Erlebnis."

Schon nach der Anspielsession auf der gamescom war mir klar, dass ich mit Terra Nil viel Spaß haben werde. Zum einen, weil man anders als in anderen Strategie-Spielen von niemandem angegriffen wird und einfach entspannt vor sich hinbauen kann. Zum anderen, weil ich es ab und zu einfach richtig liebe mich in diese Art von Spielen hineinzufuchsen. Die Prämisse des Spiels ist eine sehr politische und sozialkritische, verpackt das aber auf eine Art und Weise, die einem nie ein schlechtes Gefühl gibt und es macht spielerisch einfach echt viel Spaß der Natur ihren Raum zurück zu geben. Terra Nil spricht mit seiner Wholesomeness und der ruhigen Spielweise bei mir ganz bestimmte Rezeptoren im Gehirn an, wie es kaum ein anderes Spiel schafft und ist fast schon ein meditatives Erlebnis. Dabei hat es aber trotzdem genug Tiefe und Gameplay, damit es nicht langweilig oder eintönig wird. Ich bin einfach happy darüber, dass neben den ganzen AAA-Titeln und der ganzen Action auch Spiele wie dieses hier existieren und wenn ich mal wieder zu viel Action hatte, dann koche ich mir nen guten Tee, setz mich gemütlich eingemummelt auf die Couch und hole der Natur zurück, was ihr gehört.

Wertung zu Terra Nil von Free Lives und Devolver Digital
4 von 5 Begrünungsanlagen.